Erik Wikki Autor und Vorlesekünstler

DSC_0028

Residenz AM FESTSPIELHAUS; Eingang

Eine Tote

Polizeiwagen standen vor dem Eingang zur Residenz. Drei Personen trugen einen Zinksarg heraus und schoben ihn in einen Leichenwagen.
Kern deutete auf die Einsatzfahrzeuge der Polizei. »Ist dieser Auflauf normal für einen Toten im Altersheim?«
»Hängt von der Todesursache ab, Kern. Außerdem ist dies kein Heim.«
»Hier residiert man und siecht nicht. Meinen Sie das, Herr Kommissar?«
Lux zuckte mit den Schultern.
»Kommen Sie.« Kern hielt auf den Eingang zu. »Gehen wir hinein und fragen, wo unsere Mandantin so Hof hält.«
Lux dachte an die Nachricht der alten Dame. Ich darf Ihnen versichern, dass meine Abwesenheit keineswegs in meinem Sinne ist. Möglicherweise bedeutet es, dass mein Enkel von Ihrem Engagement erfahren und mein Eintreffen bei Ihnen irgendwie verhindert hat.
Mit unguten Gefühlen warf Lux einen Blick auf den Leichenwagen.

Auszug aus WEHMUTSTROPFEN
Erik Wikki © 2016

DSC_0023

Residenz AM FESTSPIELHAUS

Retusche

Martin stöhnte. »Der Kripo lag irgendein verschwommenes Foto von mir vor. Darauf ist zu erkennen, wie ich unserer inzwischen verstorbenen Mandantin angeblich eine Injektionsnadel in den Oberschenkel jage. Der Gerichtsmediziner hat jedoch festgestellt, dass Hermine Wehmuth das Narkosemittel mit dem Namen ›Natrium-Pentobarbital‹ keineswegs intramuskulär, sondern intravenös verabreicht worden sein muss. Übrigens dermaßen viel von dem Zeug, es hätte genügt, eine Elefantenherde ins ewige Reich der Träume zu befördern. Der Arzt sagt, unsere Mandantin sei unmittelbar nach der Injektion eingeschlafen und wenige Minuten später bereits tot gewesen. Zwei Tage zuvor hatte die Frau über eine anhaltende Trinkschwäche geklagt. Daraufhin hat man ihr einen Venenzugang am rechten Handrücken gelegt, über den sie mit einer Salzinfusionslösung aus dem Tropf versorgt worden ist. Dieser Venenzugang war auf dem Foto allerdings nirgendwo zu sehen. Die Spezialisten bei der Kripo haben inzwischen aufgedeckt, dass das Foto eine Retusche ist.«
»Wo bist du jetzt genau?«, fragte ich.
»Unweit des Polizeipräsidiums in Recklinghausen. Ich sitze auf einer Parkbank in der Sonne. In meinem Rücken befindet sich das Finanzamt. Glaub ich wenigstens.«

Auszug aus WEHMUTSTROPFEN
Erik Wikki © 2016

 

 

DSC_0029

Polizeipräsidium Recklinghausen

 

Kern, Lux
und Gunda Berger

Lux warf einen Blick über die Schulter. Eine matronenhafte Frau um die fünfzig schob heran. Ihr Gesichtsausdruck verriet Widerwillen. Als wäre sie lieber bei Ihren Katzen oder Kaninchen oder welche Art Haustier sie sonst in ihren vier Wänden hielt.
Ihrer Frisur nach zu urteilen (ein gewaltiges Nest aus blondem Stroh) würden es Jungfernkraniche sein. Oder brüteten die auf dem Boden?
»Dieser Herr erkundigt sich nach Frau Wehmuth«, petzte der Jüngling diensteifrig.
Die Matrone baute sich vor Kern auf. Es schien, als wollte sie den kleinen Mann zum zweiten Frühstück verköstigen. Lux erwartete jeden Augenblick, dass ein Dröhnen aus ihrem Mund hervorbrach. Es war dann aber nur ein dünnes Stimmchen.
»Soso«, fiepste sie, »und Sie sind?«
»Das habe ich Ihrem Lakaien bereits verraten.« Kern verbeugte sich spöttisch. Er hob seine lederne, elfenbeinfarbene Schirmmütze von der kahlen Kopfhaut, neigte den Oberkörper, wischte mit der bemützten Hand vor den Knien entlang, richtete sich wieder auf und verschränkte in derselben Bewegung die Hände samt Mütze auf dem Rücken. Mit dem Kopf im Nacken sah er wie ein Schuljunge zu der Matrone auf.
»Er sagt, sein Name ist …«
»Vielen Dank, Herr Lakai«, unterbrach Kern. »Meinen Namen verrate ich der Dame lieber selbst.« Mit diesen Worten sah der kleine Mann die ihn in jeglichen Dimensionen überwiegende Frau wieder an. »Und Sie sind?«
»Sie halten sich für besonders witzig, was?«, fiepste sie.
Als Lux noch im Dienst war, hatte Kern ihm gegenüber diese übertriebene Verbeugung und seine provozierende Art häufig eingesetzt. Es schien ihm ein Bedürfnis zu sein, Kriminalbeamte so zu behandeln. Dass die wuchtige Frau von der Kripo war, erkannte Lux so gut, wie es sein heutiger Partner gewiss ebenfalls tat.
Der alte Kommissar verzog die Mundwinkel. Das Wort ›Partner‹ würde ihm im Zusammenhang mit Kern sicher nie über die Lippen kommen.
Selbst es zu denken, schien irgendwie falsch. Als seinen Chef wollte er ihn allerdings auch nicht ansehen. Wenngleich es ihre Beziehung wohl weniger verkehrt beschrieb als dieses andere Wort.
Die Matrone zückte Ihren Dienstausweis und hielt ihn dem kleinen Mann vor die Augen. »Berger ist mein Name, Kriminalhauptkommissarin Gunda Berger.«

Auszug aus WEHMUTSTROPFEN
Erik Wikki © 2016